Digital Transformation, ICT-Trends, Industrie 4.0, etc.

Industrie 4.0 Hannover 2017 – Unvernetztes zu vernetzen ist ein rauer Weg

Eins der großen Themen auf der diesjährigen Industrie-Messe war die Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung. Doch es war beileibe nicht das einzige. Im Gegenteil, die Messe war so aufgeteilt dass man schnell den Eindruck gewinnen konnte, dass es nicht eine war sondern mehrere. Messtechnik, Kompressionsverfahren und Industrieanlagen waren beispielsweise unabhängig von Industrie 4.0 ausgestellt. Digitalisierung fand schwerpunktmässig in einer Halle statt, Automatisierung in drei anderen. Dort gab es gemeinsame Themen und Überschneidungen.

Allerdings unterscheiden sich die Blickwinkel von ICT Anbietern und Automatisierungsspezialisten. Viele produzierende Firmen schlagen sich aus der Vergangenheit mit zwei unterschiedlichen IT Strukturen herum. Das sind einerseits die klassische kaufmännische IT und andererseits die davon strikt getrennte Produktionstechnologie. Wie die Messe der Aussteller zeigt ist auch die Anbieterlandschaft noch stark von diesem Hintergrund geprägt. Ob IT Spezialist oder Produktionsspezialist ist immer noch eine Frage von „entweder – oder“, selten von „sowohl – als auch“.

IT Spezialisten reden von Predictive Analytics und Robotic Experten von Beschleunigung der Fabrik

Die meisten Szenarien die von ICT Anbietern gezeigt wurden dienen dem Ziel die Fertigung robuster und ausfallsicherer zu machen. Automatisierungsspezialisten fokussieren sich im Gegensatz dazu auch darauf, Technologien zu forcieren die Industrieroboter schneller machen ohne an Präzision zu verlieren.

EtherCat

EtherCat, ein Konsortium, dem auch Anbieter wie Kuka angehören, demonstrierte ein Roboter Physical System bei dem die Geschwindigkeit optimiert wird, drei verschiedene Sorten von Kapseln in die vorgesehenen Verpackungen zu sortieren, egal in welcher Reihenfolge sie vom Band laufen. ICT Anbieter die diese Trends integrieren wollen müssen sie verstehen. Hier gibt es noch deutliche Schnittstellen. In anderen Bereichen sieht das anders aus. In weiteren Hallen wurden für den Industriesektor wichtige Technologiethemen präsentiert – ohne jeden Bezug von IT.

Optimierung von Messtechnik und Kompressionsverfahren nicht im Zusammenhang mit IoT

Mehrere Aussteller zeigten Apparaturen die den heutigen Entwicklungsstand von Präzisionsmessanlagen verdeutlichen. Diese Anlagen ähneln nicht nur den Zukunftslaboren der Naturwissenschaftler aus dem letzten Jahrhundert. Sie haben auch eine große Gemeinsamkeit mit ihren Vorvätern. Vernetzung, IoT, Digitalisierung, Analytics sind für die Hersteller bestenfalls Visionen. Ein Sprecher sagte mir ganz offen: „Soweit sind wir noch nicht, derzeit wachsen wir auch so.“

Hexenküche

Eine komplette Halle wurde mit Ausstellungsstücken zur Komprimierung von Sauerstoff gefüllt. Nicht nur Hardware sondern auch Anwendungen und Entwicklungen von Vakuumtechnologien wurden gezeigt. Ein interessantes Anwendungsbeispiel ist die Anlegetechnologie im Hamburger Hafen. Fracht- und Containerschiffe werden an ihren Liegeplatz angesaugt. Auch diese Technologien werden noch nicht im Zusammenhang mit Industrie 4.0 präsentiert.

Hardware wird im Industriekontext anders verstanden als in der IT

Hardware Exponate gab es in unzähligen Variationen, von Fabrikationsmotoren bis hin zu Einzelteilen. Teilweise wurden sogar Metallteile zur Schau gestellt mit denen Anbieter demonstrieren dass sie bestimmte DIN Normen für Kantenschliffe und Materialbeschaffenheit erfüllen.

Ein Exponat machte mehr als andere deutlich dass in dieser Messe zwei Welten aufeinanderprallten. Ein Besucher sah einen Stand auf dem gelbe Metallschuhe ausgestellt waren. Er fragte ob das geschützte Container für Sensoren zur Vernetzung von Anwendungen in der rauen Natur sein. Der Aussteller gab zurück: „das ist die raue Natur und die hat nichts mit Vernetzung zu tun. Das sind Notschalteinrichtungen zur Abschaltung von Förderbändern für Kiesgruben, für den Tagebau und alles andere was Laufbänder hat. Alle zwei Meter muss so ein Device verfügbar sein damit das Band jederzeit gestoppt werden kann. In der folgenden Diskussion wurde ersichtlich dass der Aussteller Vernetzung eher als Bedrohung denn als Chance begriff.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die klassischen ICT Provider noch weit davon entfernt sind, die Fabrik flächendeckend digitalisieren zu können.

ICT Anbieter dürfen die Konkurrenz aus dem Industriesegment nicht unterschätzen

Wer wird in der Lage sein, die angesprochenen Technologien zu beherrschen, zu koordinieren und zu vernetzen?

Viele Anbieter stoßen aus verschiedenen Richtungen in diesen Markt. Netzdienstleister bauen Expertise in spezifischen Segmenten auf, so wie Vodafone in Automotive und Verizon in Logistics um aufzuzeigen dass sie mehr können als SIM Karten zu vernetzen. Integratoren bauen Showcases für IoT, Digitalisierung und Big Data. Dabei sind Predictive Analytics und Überwachung von Produktionsanlagen weiterhin die wichtigsten IoT Szenarien. Eine wirklich durchgängige Automatisierung ist noch die Ausnahme. Deutsche Telekom nimmt als Carrier und Integrator eine interessante Rolle ein. Doch die Technologieentwicklung im Fertigungssegment bedeutet viel mehr als IT, IoT und Digitalisierung.

Anbieter wie Siemens und ABB werden eine starke Rolle spielen

Zwei Player stachen auf der Messe als Anbieter hervor die eine sehr breite Klaviatur in einer anderen Wertschöpfungstiefe beherrschen: der internationale schweizer-schwedische Industriegigant ABB und sein Konkurrent, die lokale Hausmacht, Siemens. Beide zeigten eine starke Kopplung von IoT Energiemanagement für Gebäude und Produktionsanlagen mit Automatisierung der Robotik und Digitalisierung der Überwachungssystematik in der Fertigung. Die eigene Expertise von Herstellung über Vernetzung bis Full Service für die Produktionsanlagen wurde mit vielen Einzelexponaten unterlegt. Bei Siemens wurden allein zwei Reihen von verschiedensten Exponaten für das Monitoring von system-kritischen Anwendungen im Produktionsablauf verwendet. Die Industriegiganten bringen im Bereich Industrie 4.0 ein tiefes Portfolio in enormer Bandbreite und einen sehr starken Erfahrungsschatz ein. Ob sie diesem Markt den Weg aufzeigen können wird auch von der Integration eines starken Echo Systems mit ICT Partnern abhängen.

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