Big Data

Cognitive Computing ante portas

Bottom Line (ICT-Anwenderunternehmen):

Nach Big Data und Industrie 4.0 und Internet of Things schwappt nun die nächste Welle im Ozean der Buzzwords über die Anwender: Cognitive Computing. Indes sind die Definitionen noch sehr vage und je nachdem wie gut die Marketeers trainiert sind, handelt es sich um die Adaption von Verfahren aus dem Bereich künstlicher Intelligenz (KI/AI) oder um absolut fabelhafte neue „Möglichkeiten“ der elektronischen Datenverarbeitung, wobei die Coomputer etwas können, was bisher kein Computer konnte.

Bottom Line (ICT-Anbieterunternehmen):

Sie arbeiten an Technologien für das Cognitive Computing? Wir freuen uns über Ihre Definition des Themas und der Lösungen.

 

Werden Computer künftig die menschliche Sprache verstehen? Werden Computer überhaupt „verstehen“, was ein Mensch sagt oder gar möchte? Je nachdem wie weit Sie als Leser dieses Artikels sich bereits mit Cognitive Computing beschäftigt haben, werden Sie bereits beim Verständnis der Begrifflichkeiten dieses Beitrags andere Verständnisse und Erkenntnisse haben. „Die Welt“ berichtete kürzlich in einem durchaus interessanten Artikel über die Fortschritte bei der Spracherkennung. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Auch wenn inzwischen die Marketing-Folien einiger Anbieter ohne „Cognitive“ oder „Machine Learning“ anscheinend nicht mehr vom Management freigegeben zu werden scheinen.

Für den Down-to-Earth-Check genügt ein Besuch in einem Call Center. Dort wird ganz schnell offenbar, wie stark die Technik für die Sprachverarbeitung von der Wirklichkeit überholt wird. Wohlgemerkt: Es gibt heute sehr gute Sprachverarbeitungssysteme, wenn sich die Sprache innerhalb eines definierten Anwendungsgebiets bewegt. Das betrifft beispielsweise Diktatlösungen für Ärzte oder Juristen. Hier liegen bereits sehr gute Wörterbücher vor, die auch Fachtermini gut übersetzen können. Allerdings sind die Lösungen auf reine Spracherfassung (Sprache-Text-Übersetzung) ausgerichtet. Es geht nicht darum, dem Text eine Aktion folgen zu lassen. Bereits vor einigen Jahren stellten Forscher aus Karlsruhe ein System vor, das Muskelbewegungen im Gesicht lautspezifisch untersucht. Zielstellung ist dort eine Hilfe bei Behinderungen.

Interessanter wird es jedoch, wenn die Sprache außerhalb einer, mitunter speziell geschulten, Anwendergruppe verstanden und verarbeitet werden soll. In einem Call Center einer Versicherung oder eines Herstellers von Gebrauchsgütern rufen keine Spezialisten mit festem Fachjargon an und die Anrufer entstammen nahezu allen Bevölkerungsschichten. Die Begriffe lassen sich nicht in einen festen Thesaurus stecken. Auch eine Ontologie lässt sich nicht aufbauen, weil auch die Alltagssprache für das Call Center eine Rolle spielt. Als Beispiel: Ein Betrunkener möchte sich beim Hersteller seines Rasierschaums über den Füllrest in der fast entleerten Dose beschweren. Dieses Unterfangen mit einem „kognitiven“ System zu bewältigen dürfte auch bei jahrelangem Anlernen der Maschine erfolglos bleiben, da dem unverständlichen Genuschel aus einer europäischen Sprache, Jux und falscher Aussprache des Trunkenbolds einfach kein Muster zugeordnet werden kann. Auch deshalb nicht, weil Nebengeräusche einfach enorm laut sein können. Da läuft nicht nur der Fernseher, sondern es sind auch andere Personen im Raum. Das ist natürlich überspitzt dargestellt, zeigt aber klar die Grenzen von Technologien. Allerdings wird dieser Technologietrend interessant, vor allem, weil ja inzwischen eine ganze Generation an Menschen herangewachsen ist, die mit den Glasplatten in ihren Händen sprechen und dies nicht nur, wenn sie telefonieren. Daraus entsteht für die Hersteller die Notwendigkeit, einen Bedarf mit passenden Technologien zu beantworten. Jedoch dürften zunächst noch die Forschungsinstitute und die Hochschulforscher einige Jahre an der Überwindung von Hürden wie Dialekt, Unkenntnis über die richtige Aussprache, schlechte Akustik und schlicht und einfach undeutliche Aussprache zu forschen und zu arbeiten haben.

Dementsprechend gilt es, die noch jungen Lösungen unter dem Etikett „Cognitive Computing“ genauestens auf den Prüfstand zu stellen. Das wird die Experton Group in diesem Jahr unter anderem mit den ersten ISG-Provider-Lens-Anbietervergleichen (bisher „Vendor Benchmarks“) in Angriff nehmen. Für Anwender bieten diese Vergleiche eine wichtige Hilfe und Anleitung zur Beurteilung der Offerings der Vendoren und Service Provider. Sie zeigen, wo „Cognitive“ eine Vision beschreibt, wo es eine Mission, wo es schöner Schein ist und wo bereits greifbare Produkte entstehen.

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